Misophonie – Der Hass auf Geräusche

Misophonie - Der Hass auf Geräusche

Misophonie (c) woods of voices

Schreiende Kinder, Lärm aus der Nachbarwohnung, ein klickender Kugelschreiber …
Was andere Menschen als normale Alltagsgeräusche wahrnehmen, ist für mich der pure Stress. Ich bin Misophonikerin. 

Miso-was?

Bis vor kurzem wusste ich noch gar nicht, dass es so etwas gibt. Misophonie (griech: „Miso“ = Hass; „Phonia“ = Geräusche) schimpft sich die Störung, welche mit „Hass auf Geräusche“ übersetzt werden kann.
Betroffene Personen reagieren dabei auf normale Geräusche – sogenannte Trigger (engl.: Auslöser) – mit starken Gefühlen wie Wut oder Ekel. Die damit einhergehende Stresssituation, können Außenstehende kaum nachvollziehen, sodass es nicht selten zu Ärger (gerade in Familien) und Missverständnissen kommt. 

Endlich verstanden

Durch Zufall wurde ich auf ein Buch aufmerksam, welches mich sofort angesprochen hat. Ich hasse Geräusche (Anzeige) stand auf dem Einband. Anfänglich belustigt zugestimmt (Man kennt ja diese lustigen Sprüche auf Social Media, die auf 90% der Bevölkerung zutreffen.) wurde mir recht schnell bewusst, dass es sich dabei tatsächlich um einen Ratgeber handelt.
Nachdem ich die Beschreibung gelesen hatte, schien plötzlich alles plausibel. Ich wollte mehr über die neurologische Störung herausfinden und suchte nach weiteren Büchern. Mit Misophonie verstehen und überwinden (Anzeige) von Thomas H. Dozier wurde ich fündig. In den beschriebenen Berichten erkannte ich mich zu 99% wieder.

Von Irritation über Ekel bis zur Wut

Gemütlich sitze ich abends auf meiner Couch und fröne dem Serienjunkie-Dasein. Ich bin restlos entspannt und kann endlich vom Alltag abschalten. Da passiert es wieder: Der Nachbar aus der Wohnung über mir wandelt auf seinen Trampeltier-Pfaden. Es ist ein Geräusch, welches mich unwahrscheinlich triggert. Sei es aufgrund der Tatsache, dass ich (aufgrund einer Vorbelastung) ohnehin extrem genervt von dieser Person bin oder weil man mich in meiner Entspannungsphase stört.

Geräuschen gegenüber war ich schon immer recht empfindlich. Ich lasse mich schnell ablenken und kann mich in Störfaktoren richtiggehend hineinsteigern. Gedanken über diese Zustände habe ich mir aber bisher nicht weiter gemacht, sie lediglich als Überempfindlichkeit abgetan. Einzig der Sachverhalt, dass ich mich zunehmend in Rage steigere und regelrechte Rachegelüste entwickle, lassen mich und meine Mitmenschen indes nachdenklich werden.

Wut ist nur eine von vielen Reaktionen auf einen Trigger. Vor allem Kaugeräusche lösen in vielen Betroffenen Ekel aus. Allen voran geht die Irritation: Ein ausgeübter Reiz.

Die erwähnten Kaugeräusche sind, laut Erfahrungsberichten, die mitunter größten Triggerpunkte bei Misophonikern. Auch ich kann diese zwar nicht ausstehen, aber Wutausbrüche lösen sie bei mir nicht aus. Ich denke tatsächlich, dass meine Misophonie durch starke Emotionen hervorgerufen wird, die sich mit der Zeit und den gemachten Erfahrungen gefestigt hat. 

Tatsachenberichte 

Relativ zeitgleich mit mir, ist auch ein junges Paar direkt über mir eingezogen. Über den Umzugslärm kann man einigermaßen hinwegsehen. Sicher habe auch ich ordentlich Krach verursacht. Was bei mir jedoch einen Nerv getroffen hat, war die Tatsache, dass mein Nachbar die (Holz-) Treppen hoch und runter gesprintet ist, was ordentlich durchs gesamte Haus gedröhnt hat. Ich habe ihn sodann auf der Treppe angehalten und darauf aufmerksam gemacht, dass das stört und auch leiser geht. Verständnis auf beiden Seiten und gut. Doch es folgten weitere (teils massive) Störungen. Laute (Bass-lastige) Musik, beinahe tägliches Möbel rücken und Lärm während der vorgeschriebenen Ruhezeiten, brachten mich an den Rande des Wahnsinns. Mehrfache (nette!) Gespräche mit dem Nachbarn verschafften mir jedes Mal kurzzeitig Ruhe, schienen jedoch nach ein bis zwei Tagen schon wieder vergessen. Erst der Gang zur Hausverwaltung brachte, zumindest was die dröhnende Musik betrifft, endlich Erlösung. Die Folge: Lärm-Bubi ignoriert mich komplett. Soll mir aber auch recht sein! 

Lange Rede, kurzer Sinn: Mit zunehmender Zeit entwickelte ich aus dieser störenden Situation, eine so starke Reaktion, dass ich mittlerweile beim ersten Trampeln oder Möbel rücken, das von oben zu hören ist, sofort aus der Haut fahre. Binnen Sekunden breitet sich in mir eine unbändige Wut aus. Ich schreie nach oben und wünsche der betreffenden Person die Pest an den Hals. 

Auch in anderen Alltagssituationen merke ich, dass sich meine Reaktion auf Geräusche stark verschlimmert hat: Eine Familie mit mehreren Kindern unterhält sich beim Einkauf lautstark über mehrere Regalreihen hinweg. Das geht definitiv auch leiser! 
Es folgte eine für mich extrem untypische Reaktion: Ich habe mich gut hörbar darüber beschwert. Wer mich kennt, weiß, dass das absolut nicht meine Art ist. Ich vermeide es in der Regel irgendwo aufzufallen. Dieses rücksichtslose Verhalten hat mich aber so enorm getriggert, dass ich mich in meine Wut hinein gesteigert und darüber hinaus meine Komfortzone verlassen habe.

Diese Erlebnisse haben mir verdeutlicht, dass Misophonie (vor allem bei mir selbst) durch Emotionen hervorgerufen, gar verschlimmert wird. Geräusche, die ich schon immer als störend empfunden habe, nehme ich zunehmend stärker wahr, sodass meine Konzentration einzig darauf liegt. 

Therapiemöglichkeiten

Wenn man weiß, dass man ein Problem hat, scheint der Gang zum Fachmann (Psychologen, Arzt, usw.) die logische Schlussfolgerung zu sein. Leider haben Misophoniker das Problem, dass die meisten Fachärzte gar nicht wissen, worum es sich dabei handelt – den Begriff als solchen gar nicht einmal kennen. Schwerwiegende Folge: Fehldiagnose mit völlig falschen Behandlungsmethoden.

Mir hat bereits die Auseinandersetzung mit dem Thema geholfen. Allein das Wissen, dass ich Misophonikerin bin, schafft Beruhigung und sorgt für ein Umdenken. Zudem ist es wichtig, seinen Mitmenschen zu erklären, das man derart auf verschiedene Trigger reagiert. So können sich alle Beteiligten darauf einstellen und vielleicht auch verstehen, warum man in gewissen Situationen (über-) reagiert. 

Ignoriere es doch einfach!

So leicht ist das leider nicht. Im Gegenteil: Einen Trigger zu ignorieren kann sich negativ auswirken, sodass man umso stärker darauf reagiert. Generell ist es empfehlenswert dem Störfaktor bestmöglich aus dem Weg zu gehen – sich eine Ruheoase zu schaffen. Dies mag sicher nicht überall gehen. Hier bieten sich zum Beispiel Noise-Cancelling-Kopfhörer an. Diese unterdrücken die Umgebungsgeräusche und machen es einem leichter, sich beispielsweise auf die abgespielte Musik zu konzentrieren. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich durch andere Geräusche (Musik, Fernseher, Ventilator, und dergleichen) abzulenken.* Die Seite misophonie.de empfiehlt außerdem eine App für weißes Rauschen. Diese gibt verschiedene Geräuschkulissen wieder. Eben jenes weißes Rauschen, Naturklänge (Bachlauf etc.) oder Ventilatorengeräusche. Jedoch gilt auch hier: Nicht alles ist für jeden geeignet. Vom Ventilator fühlte ich mich beinahe genauso getriggert, wie von den Lauten, welche ich damit zu übertönen versuchte. Ich bin eher der Naturmensch, der sich für den plätschernden Bach entscheidet. 😁

App-Empfehlung (c) woods of voices
App-Empfehlung

*Anmerkung:

Für mich ist dies im Alltag leider nicht immer möglich. Einhergehend mit der Misophonie lasse ich mich sehr leicht ablenken. Während eines Telefonats mit Heidi ging mal wieder der Trampelwahnsinn des Nachbar-Bubis los. (Damals wusste ich noch nicht, dass ich Misophonikerin bin.) Sie empfahl mir, mit Musik oder dergleichen für Ablenkung zu sorgen. Mein Problem hierbei: Die Musik würde mich vom Telefonat ablenken. Hinzu kam mein wütendes Trotzverhalten. Warum soll ich mich ablenken, nur weil jemand anders nicht Rücksicht nehmen kann?

Danke, liebes Reptiliengehirn!

Die Misophonie ist nichts anderes als ein Reflex auf einen oder mehrere Auslöser. Verantwortlich dafür, ist unser Hirnstamm – umgangssprachlich auch Reptiliengehirn genannt. Hier liegen alle lebensnotwendigen Reflexe verankert. Schlucken, Atmen, Blinzeln … All das wird im Hirnstamm ausgelöst. So auch die Reaktion auf einen Trigger; vergleichbar mit dem Erschrecken, wenn ein lauter Knall ertönt. Unser Reptiliengehirn will uns also lediglich vor einer vermeintlichen Gefahr schützen, indem es einen Reflex auslöst. Die Lösung scheint banal: Bedankt euch bei eurem Reptiliengehirn! Ein gedachtes „Danke, aber es besteht keine Gefahr!“ kann schon helfen. Thomas H. Dozier nennt es den „Dankbarkeitsreflex“, der den Wutreflex übertönen und ausschalten kann. 

Alles eine Frage der Einstellung

Mit dem Wissen, dass das Reptiliengehirn Auslöser für die Misophonie ist, kann man ganz anders auf einen Trigger reagieren. Die Person, die ihn ausgelöst hat, kann schließlich gar nichts dafür.

Eine Tatsache, die ich selbst auch an mir feststelle: Man betrachtet den Auslöser als Angriff und gibt der betreffenden Person die Schuld an seinem persönlichen Leidenszustand.
In meinem Fall: Ich hasse Rücksichtslosigkeit. Mein Nachbar benimmt sich anderen gegenüber rücksichtslos. Logische Schlussfolgerung: Eine stetig wachsende Antipathie bis hin zum tiefen Hass.
In Zukunft werde ich nicht meinem Nachbarn die Schuld für meinen Zustand geben, sondern mir bewusst machen, dass die Situation völlig normal ist und lediglich mein Reptiliengehirn wieder etwas übervorsichtig ist. Ein höfliches „Keine Gefahr, aber trotzdem danke!“ sollte den Ärger minimieren.

Es war mir eine Herzensangelegenheit über die Misophonie zu schreiben. Ohne die (meist nervigen) Werbeanzeigen von Social Media wüsste ich noch immer nicht, dass ich eine neurologische Störung habe und etwas an meiner Situation ändern kann. Ich hoffe, dieser Beitrag kann einigen Menschen helfen oder zumindest auf eine noch recht unbekannte Störung aufmerksam machen.